Faszination Sex

Der Aktivist & Theoretiker Martin Dannecker

November 2017 – Februar 2018

Ausstellung im Schwulen Museum*
Kuratiert von Patsy l‘Amour laLove

Schon 1969 schrieb Martin Dannecker in seinen „Theoretischen Notizen“ für die inhaltliche Ausarbeitung des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von der „Zwangsheterosexualität“ in unserer Gesellschaft, die sich letztlich auch unter Homosexuellen äußere. Er begab sich früh auf den beschwerlichen Weg, den hasserfüllten Vorurteilen gegenüber Homosexuellen mit Selbstbewusstsein zu begegnen. Dazu gehörte für Martin Dannecker, die Homosexuellen nicht zu glorifizieren, sondern mit seiner theoretischen und aktivistischen Arbeit Aufklärung zu betreiben. Durch seine lange aktivistische und wissenschaftliche Arbeit wurde er zum wohl bedeutendsten deutschen Theoretiker zur Homosexualität der Nachkriegszeit.

„Was wirkliche Toleranz von Scheintoleranz unterscheidet, ist ihr Wissen um das noch Differente und das Akzeptieren des Anderen als Anderen.“

Martin Dannecker in „Der Homosexuelle und die Homosexualität“, 1978

Von Dornhan nach Frankfurt

Aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald machte sich Martin Dannecker zunächst auf nach Stuttgart. Dort arbeitete er als kaufmännischer Angestellter und schloss eine Schauspielausbildung ab. Währenddessen lernte er die Soziologin Maria Borris kennen, die zu seiner intellektuellen Ziehmutter wurde und ihm zu seinen ersten Kontakten zur Universität verhalf. Dort angekommen, konnte er seinem früh gesteckten Ziel fundiert nachgehen: Der bisherigen, größtenteils schlechten und pathologisierenden Forschung zur Homosexualität mit neuen, progressiven Arbeiten zu begegnen.

Ansätze für die Gegenwart

Der Drang, als Theoretiker und Aktivist das Unrecht in der Gesellschaft zu begreifen und dadurch auf dessen Abschaffung zu drängen, und die Leidenschaft, mit der sich Martin Dannecker seinen Gegenständen widmet, hat mich seit meiner ersten Lektüre von „Der gewöhnliche Homosexuelle“ aus dem Jahr 1974 zutiefst beeindruckt. Darin enthaltene Ansätze der kritischen Sexualwissenschaft, der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, sind in aktuellen sexualpolitischen Auseinandersetzungen viel zu sehr in den Hintergrund geraten. Dabei stellen sich mitunter sehr ähnliche Fragen wie vor 40 Jahren. Und mitunter sind die Antworten differenzierter, materialistisch und präzise. So, dass es sich mehr als lohnt, auch den damaligen aktivistischen und theoretischen Herangehensweisen nachzugehen.

Filmische Einblicke

Für „Faszination Sex“ führte ich ein zweistündiges, biographisch-narratives Interview mit Martin Dannecker, das für die Ausstellung von Jens Kraushaar aufgezeichnet und geschnitten wurde. Die daraus entstandenen Videostationen strukturieren den Rundgang und bieten persönliche Einblicke: Von Martin Danneckers Kindheit im Schwarzwald über die Schwulenbewegung der 1970er Jahre bis hin zu den hitzigen Debatten während der sogenannten AIDS-Krise.

ZeitzeugInnen

Den zweiten wichtigen Teil meiner Forschung zu Martin Dannecker stellen Interviews mit WeggefährtInnen dar. Darunter FreundInnen und KollegInnen aus dem 2006 geschlossenen Sexualwissenschaftlichen Institut in Frankfurt, Wegbegleiter aus der Schwulenbewegung und aus seiner Tätigkeit als Dozent. Ausschnitte aus diesen Gesprächen geben den Besucher_innen von „Faszination Sex“ die Möglichkeit, ihre Eindrücke mithilfe dieser unterschiedlichen Perspektiven zu vertiefen. In der Ausstellung vertreten sind Agnes Katzenbach, Reimut Reiche, Herbert Gschwind, Ulrich Gooß, Gunter Schmidt, Wolfgang Vorhagen, Michael Bochow und Clemens Sindelar. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet für ihr Vertrauen und die Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir und dem Publikum zu teilen.

Theoretiker der Differenz

Martin Dannecker gewährte mir großzügig Zugang zu archivalisch bedeutsamen Vortragsmanuskripten, Fotografien und unveröffentlichten Papieren. Hinzu kommen die zahlreichen wissenschaftlichen Artikel und Essays, welchen ich mich im Zuge meiner Forschung für die Ausstellung widmete. Nicht zuletzt konnte ich außerdem auf die umfangreiche Sammlung im Archiv des Schwulen Museums* zurückgreifen sowie auf viele weitere Leihgaben, etwa von der Kinothek Asta Nielsen oder dem Historischen Museum Frankfurt. Mit diesem Hintergrundwissen versuche ich in der Ausstellung auch einen Ausschnitt der Arbeit Martin Danneckers vorzustellen und dabei zu vermitteln, was das Spezifische an seiner Theorie der Differenz ist.

Veranstaltungsreihe

Im Rahmen der Ausstellung findet eine umfangreiche Veranstaltungsreihe statt, die ich mit organisiere. Sowohl Theoretiker aus Martin Danneckers Generation sind eingeladen, als auch jüngere Forscher und Aktivisten, die ihre Perspektiven auf sein Schaffen darstellen. Über die Person Martin Dannecker hinaus spielt seine spezifische theoretische Herangehensweise eine Rolle, was sich vor allem im Symposium „(Homo)Sexualität und Psychoanalyse“ im Januar 2018 widerspiegelt.

„Zur Homosexualität gehört nicht selten jene Unangepaßtheit im sexuellen Bereich, vor der die schaudernd zurückschrecken, die gerade noch bereit waren, sich tolerant zu verhalten.“

Martin Dannecker, 1971*

*Martin Dannecker: Wer lächelt schon, wenn er aus dem Schlaf gerissen wird? In: Fernsehspiele Westdeutscher Rundfunk: Januar – Juni 1972. Veröffentlicht 1971.

Zum Symposium

"(Homo)Sexualität und Psychoanalyse"
am 12. und 13. Januar 2018 an der IPU Berlin.

Als Sigmund Freud die Sexualtheorie als Herzstück der Psychoanalyse auszuarbeiten begann, ließ er sich nicht von der Vorstellung einer natürlichen Sexualität leiten. Die heterosexuelle Objektwahl galt ihm als nicht weniger erklärungsbedürftig als die homosexuelle. Doch was trotz begleitender Widersprüche mit Impulsen von Neugierde und kritischem Denken anhob, verkehrte sich in den Folgejahren der psychoanalytischen Theoriebildung zum Festhalten an der Norm einer vermeintlich reifen genitalen Heterosexualität. Die daraus entspringende feindselige und pathologisierende Haltung gegenüber Homosexuellen hat ihre Ausläufer bis in die jüngere Vergangenheit.

Heute ist eine offene Ablehnung der Homosexualität in der psychoanalytischen Community jedoch die Ausnahme und zaghaft setzte sogar eine Aufarbeitung des homosexuellenfeindlichen Erbes ein. Da allerdings die Sexualtheorie allgemein ihren Status zugunsten anderer Paradigmen eingebüßt hat, in den theoretischen Debatten folglich leisere Töne angeschlagen werden, bleibt zu diskutieren, was die Psychoanalyse heute zur (Homo)Sexualität zu sagen hat. Unser Symposium möchte hierzu eine Auseinandersetzung anregen.

Nicht ohne Grund laden wir zu dieser Diskussion im Zusammenhang mit der Ausstellung „Faszination Sex“ über den Theoretiker und Schwulenaktivisten Martin Dannecker. Als einer der bedeutendsten deutschen Sexualwissenschaftler ist sein theoretisches Arbeiten seit den 1970er Jahren von Grund auf geprägt von der freudschen Psychoanalyse. Auf deren Verständnis der Triebtheorie und des Subjekts beharrend, kritisiert Dannecker seit jeher die Ressentiments gegen Homosexuelle in der psychoanalytischen Theorie und Praxis.

Ausgehend von Danneckers umfangreichen Studien geben wir mit dem Symposium Anlass, um an zwei Tagen über das spannungsgeladene Verhältnis der Psychoanalyse zur (Homo)Sexualität zu diskutieren und neue psychoanalytische Theorieentwürfe in diesem Feld zu erforschen. Nicht zuletzt möchten wir das zentrale Anliegen Danneckers aufgreifen, eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Erscheinungen des (Homo)Sexuellen fortzuführen.

Wir freuen uns auf spannende und anregende Diskussionen.

Aaron Lahl, Victoria Preis und Patsy l‘Amour laLove

Pressestimmen

Radikal auf der Seite der Subjekte, Dierk Saathoff, Jungle World (26.10.2017)

Im Gespräch mit Martin Dannecker, Peter Claus, kulturradio vom rbb (01.11.2017)

Er war schwul, bevor es das Wort in dem Sinne gab, Johannes Kram, Nollendorfblog (02.11.2017)

Faszination Sex, BZ Berlin (02.11.2017)

Schwules Museum würdigt Martin Dannecker mit eigener Ausstellung, Arno Widmann, Berliner Zeitung (03.11.2017)

Schwules Museum* feiert Martin Dannecker, queer.de (03.11.2017)

"Mit dem Rein-Raus-Spiel ist Schluss", Der Tagesanzeiger (04.11.2017)

Idol, Ikone und dafür viel Applaus, Jan Feddersen, taz (06.11.2017)

Der Emanzipator: Martin Dannecker wird 75, Mannschaft Magazin (07.11.2017)

"Sich nicht unterwerfen, sondern weiterdenken", Patsy l'Amour laLove im Gespräch, taz (09.11.2017)

Was mir Lust bereitet, kann nicht falsch sein, Elmar Kraushaar, Der Tagesspiegel (09.11.2017)

Ein Geschenk für Außenseiter, Benedikt Wolf, November-Ausgabe Siegessäule (11.11.2017)

Eva Müller - www.evamueller.org
Martin Dannecker, 2016

Presse

Kompakte Informationen zur Ausstellung "Faszination Sex" finden Sie auch im Pressekit!

Alfred von Meysenbug, 1970

Fotocredits

Fotos Ausstellung:
Doris Belmont, 2017

Pressefoto 1:
Doris Belmont, 2016

Pressefoto 2:
Dragan Simicevic, 2016

Foto Plakat:
Alfred von Meysenbug, 1970

Fotos Zeitzeugen:
Rodney Glove, Utz Roos

Dankeschön

Mit freundlicher Unterstützung von International Psychoanalytic University, Rosa Luxemburg Stiftung, Akademie Waldschlösschen, Historisches Museum Frankfurt, LGBTI-Referat im Referent_innenRat (gesetzl. AStA) der Humboldt-Universität zu Berlin, Kinemathek Asta Nielsen e.V. und Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität/Humboldt-Universität zu Berlin